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@andreashechler.comSep 9, 2026, 5:59 PM

Interview mit #FlorinLindgrün und mir von @oiigermany.org.web.brid.gy zum krachenden Scheitern des §1631e BGB, der #Inter Kinder vor medizinischer #Gewalt und #Folter schützen soll.
Danke an #TaleoStüwe und das @missymagazine.bsky.social.
@oiieurope.org
#StopIGM #Intergeschlechtlichkeit #intersex

Seit 2021 soll ein Gesetz inter* Kinder vor geschlechtsverändernden Operationen schützen. Die Bilanz ist ernüchternd. Ein Gespräch mit der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM).

Was bedeutet Intergeschlechtlichkeit?
Florin Lindgrün: Intergeschlechtlichkeit ist eine Form der körperlichen und geschlechtlichen Vielfalt. Der Begriff hat sich Anfang der 2010er-Jahre in der deutschsprachigen Community etabliert und ist die korrekte Übersetzung des englischen Begriffs „intersex“. Intergeschlechtlichkeit beschreibt Körper, die den normativen Vorstellungen von „männlich“ oder „weiblich“ nicht entsprechen.

Warum ist der medizinische Begriff „Varianten der Geschlechtsentwicklung“, auf dem der § 1631e „Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“ (BGB) aufbaut, schon Teil des Problems?
Andreas Hechler: „Varianten der Geschlechtsentwicklung“ ist die Übersetzung von „Differences of Sex Development“ und im medizinischen Kontext gebräuchlich. „Variante” beschreibt eine „Abweichung“ von der Norm. Das verfestigt die Vorstellung von zwei Polen – in diesem Fall die zweigeschlechtliche Logik. Der Begriff „Entwicklung“ geht davon aus, dass diese Pole das höchste Entwicklungsstadium seien und alle, die da noch nicht angekommen sind, unvollständig seien. Dem setzt die Inter*-Bewegung die gleichberechtigte und neutrale Begrifflichkeit „Variationen der Geschlechtsmerkmale" entgegen.

Wer seid ihr und was macht die IVIM – OII Germany?
AH: Die IVIM – OII Germany ist die deutsche Sektion der Organisation Intersex International, eines weltweiten Netzwerks intergeschlechtlicher Selbstorganisationen. Sie wurde 2008 gegründet und existiert als Verein seit 2016. Ich bin der Inter*-Community sehr verbunden und im Beirat. Mich hat die medizinkritische Haltung der OII Germany überzeugt, die fordert, Intergeschlechtlichkeit außerhalb von MedizinKontexten zu begreifen.
FL: Ich bin seit 2024 im Verein und wurde 2025 in den Vorstand gewählt. Ich bin inter* AH: Es war in den letzten Jahrzehnten gängige Praxis, einen medizinischen Notfall zu konstruieren, um operieren zu können. Und was genau ein medizinischer Notfall ist, ist sehr dehnbar. Dieses Schlupfloch, das es schon lange gibt, wird durch das Gesetz explizit festgeschrieben. Auch da müsste nachjustiert werden.
FL: Bisher ist das Gesetz nicht evaluiert worden, obwohl die Bundesregierung eigentlich bis fünf Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes - also im Mai 2026 - dazu einen Bericht hätte vorlegen müssen.

Das Gesetz sieht vor, dass Familiengerichte eingeschaltet werden, wenn Eltern eine geschlechtsverändernde OP wünschen, obwohl keine Gefahr für die Gesundheit des Kindes besteht. Wie läuft das ab?
AH: Auch hier gibt die Medizin als mächtiges System den Takt vor. Die interdisziplinären Kommissionen, die laut Gesetz eingesetzt werden müssen, sind maßgeblich von Ärzt*innen bestimmt. Es gibt keine juristische oder sozialwissenschaftliche Perspektive, die pathologisierende Begründungslogiken überprüfen könnte. EIne Inter*-Perspektive ist lediglich optional.
FL: Nur wenn eine solche Kommission eine OP befürwortet, können Eltern einen Antrag beim Familiengericht stellen. Wir wissen aus der inter*-Beratung und Community, dass es Eltern gibt, die von Klinik zu Klinik gehen, bis sie eine befürwortende Stellungnahme erhalten. Familienrichter*innen haben in aller Regel keine Ahnung vom Thema und auch nicht von der Gewalt, die inter*Personen widerfährt. Es gibt keine verpflichtenden Fortbildungen. So hängt eine unvoreingenommene Entscheidung vom persönlichen Engagement der einzelnen Richter*innen ab. Auch eine laufende Studie

von Pathologisierung geben, dazu medizinische Gewalt, innerfamiliäre und öffentliche Tabuisierung wie auch Leugnung und Bagatellisierung dieser Gewalt und eine allgemeine Benachteiligung in allen Lebensbereichen, die eine Zuordnung binärer Geschlechtlichkeit verlangen. Die Folgen können Traumatisierung, Entfremdung vom eigenen Körper, existenzielle Veruder Uni Flensburg  von Nick Markwald und Anna Katharina Mangold zeigt, dass das Gesetz falsch angewandt wird: In allen untersuchten Fällen sind die Richter*innen den Stellungnahmen unkritisch gefolgt.

Was bedeutet der fehlende Schutz für inter*Personen?
FL: Er bedeutet eine Fortführung der strukturellen medizinischen Gewalt. Unsere Körper werden als vermeintlich krank erklärt. Es gibt viele schlimme Folgen von diesen Eingriffen: Genitalverstümmelungen, Harnwegsinfektionen und Komplikationen, die das ganze Leben lang auftreten können, Verlust der Zeugungs- und Gebärfähigkeit, Notwendigkeit weiterer Operationen und mit all dem eine große Abhängigkeit vom medizinischen Apparat...
AH: Ganz allgemein kann es Widerfahrnisse

eine Million Menschen in Deutschland intergeschlechtlich sind. Zugleich sind diejenigen Inter*, die sich politisch in diesem Themenfeld engagieren, eine verschwindend kleine Minderheit. Viele trauen sich nicht, sich sichtbar zu machen oder politisch zu engagieren. Es ist eine Belastung, sich der zweigeschlechtlich normativen Gesellschaft und dem pathologischen Blick auf inter* Körper auszusetzen. Queere und feministische Bewegungen – also die nahen Verbündeten – verstehen häufig das Kernproblem nicht ausreichend. Sie reduzieren Inter* auf Fragen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung. Es ist unsere Hauptforderung, dass die medizinische Gewalt enden muss. Wichtig wäre es, diese Inhalte der Inter*-Bewegung besser kennenzulernen und zu teilen, inter*Personen einzubeziehen oder in wichtige Entscheidungspositionen zu heben. Die Gewalt muss skandalisiert und Mediziner*innen in dem Feld muss das Handwerk gelegt werden.
AH: Historisch hat sich die Medizin des Themas Intergeschlechtlichkeit ermächtigt und es sich angeeignet. Es geht darum, es der Medizin wieder zu entziehen. Das Ziel von Inter*-Aktivismus ist die körperliche Unversehrtheit und geschlechtliche Selbstbestimmung von allen inter* Menschen.

oiigermany.org